Interview Porträt 5 Minuten Lesedauer
Gemeinsam mit Musik für gesellschaftlichen Zusammenhalt: Musaik – Grenzenlos musizieren
Das Projekt Musaik in Dresden zeigt, wie eine gute Idee und Engagement sich zu einem Erfolgsprojekt verbinden können. 2017 im Stadtteil Dresden-Prohlis gestartet, verbindet der Verein heute rund 120 Kinder im gemeinsamen Musizieren, schafft musikalische Ereignisse und hat nicht zuletzt renommierte Partner, wie die Sächsische Staatskapelle Dresden als Fans und Unterstützer gewonnen. Im Mai wurden die Gründerinnen von Musaik mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, am 26. November folgt die Auszeichnung mit dem Regine-Hildebrandt-Preis 2025 der deutschen Sozialdemokratie in der Kategorie Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir haben mit Luise Börner gesprochen, die Musaik zusammen mit Deborah Oehler ins Leben gerufen hat.

Zuallererst: Herzlichen Glückwunsch zu dieser erneuten Auszeichnung! Musaik wurde bereits das Bundesverdienstkreuz verliehen, jetzt folgt der Regine Hildebrandt-Preis. Gehen wir einmal zurück an den Anfang: Was ist die Idee hinter Musaik? Wie ist die Initiative gestartet und wie ging es von dort weiter?
Luise Börner: Die Grundidee für Musaik kommt von El Sistema – Deborah Oehler und ich waren beide im Auslandsjahr in Südamerika, von dort haben wir sie mitgebracht: Wir haben gemerkt, dass es auch in Deutschland großen Bedarf an niedrigschwelliger Musikausübung gibt. Auch hier leben Kinder und Jugendliche, die keinen Zugang zu (außerschulischer) kultureller Bildung haben. Wir wollten (und wollen natürlich immer noch!) ein Angebot schaffen, das die Kinder abholt, die nicht den familiären und finanziellen Background haben, um instrumentalen Einzelunterricht zu bekommen. Also ein kostenfreies, wohnortnahes, möglichst voraussetzungsfreies, niedrigschwelliges Angebot. Wir sind also an einen Ort gegangen, von dem wir dachten, dass von dort nicht viele Kinder den Weg in die Musikschule finden – das ist die Plattenbau-Siedlung Dresden-Prohlis.

Auf der Grundlage unserer Erfahrungen mit El Sistema haben wir dann ein Konzept erarbeitet und konnten im September 2017 relativ spontan den Unterricht beginnen im Prohliser Einkaufszentrum, quasi im Schaufenster, also sowohl niedrigschwellig als auch öffentlichkeitswirksam. Parallel dazu haben wir gleich einen Verein gegründet, den Musaik – Grenzenlos musizieren e. V.
Bis Weihnachten 2017, also binnen drei Monaten, hatten wir 30 Kinder zusammen und haben unser erstes Konzert gegeben; die Zweifler waren überrascht, dass unser Konzept funktioniert! Bei der Anfangsfinanzierung hat uns die Cellex-Stiftung geholfen. Bis dahin war alles ehrenamtlich.
Inzwischen, also im neunten Jahr unserer Arbeit, lernen etwa 120 Kinder aus 17 Herkunftsländern in Dresden-Prohlis Streich- und Blasinstrumente in den Räumen der Grundschule und der Oberschule. Sie sind zwischen fünf und 18 Jahren alt und bekommen bei Musaik bis zu dreimal wöchentlich kostenfreien, niedrigschwelligen Instrumentalunterricht im Orchesterverbund. Unsere Lehrenden sind ausgebildete Instrumentalpädagoginnen, die von Sozialpädagogen und haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden unterstützt werden. Wir spielen pro Jahr drei Konzerte mit dem ganzen Orchester in einer Turnhalle, dazu kommen ca. 12-15 Auftritte in kleineren Gruppen.

Welche Bedeutung haben die Auszeichnungen für die Initiative? Welche Wirkung entfalten solche Preise und Ehrungen?
Wir sehen die Auszeichnungen natürlich als Ehre und Anerkennung unserer Arbeit. Gleichzeitig bekommen wir darüber auch mehr öffentliche Aufmerksamkeit, die uns hilft, unsere Idee weiterzutragen. Und natürlich auch, Förderer, Spenderinnen oder potentielle Vereinsmitglieder von unser Arbeit zu überzeugen.
Bei aller Freude: Gibt es auch Dinge, die Euch aktuell Sorgen bereiten?
Gegenwärtig ist es aufgrund der angespannten Haushaltslage der öffentlichen Hand schwierig, das Projekt auf eine sichere finanzielle Grundlage zu stellen; Geldbeschaffung ist immer eine Herausforderung. Eines unser außermusikalischen Ziele ist, mittel- bis langfristig eine dauerhafte Finanzierung zu schaffen, die sich nicht von Projekt zu Projekt hangeln muss.
Perspektivisch ist auch für uns der Fachkräftemangel ein Problem: Musikalisch-pädagogisches Fachpersonal zu finden und zu binden ist nicht immer leicht. Die Ausbildung von Instrumentallehrkräften an den Hochschulen ist immer noch auf Einzelunterricht fokussiert und noch nicht auf die Bedarfe von Gruppenmusizieren ausgerichtet.

Aber positiv können wir sagen, dass die Arbeit von Musaik insgesamt in der Stadt Dresden, im Stadtteil Prohlis und in der musikpädagogischen Landschaft gelobt und als wichtig erachtet wird – wir erleben eine wohltuende und motivierende breite gesellschaftliche Zustimmung.
Es bleibt spannend bei Musaik – aktuell ist eine Stadtteiloper geplant, die Proben haben schon begonnen … Welche Ideen und Vorhaben dürfen wir noch erwarten?
Die Stadtteiloper 2025/26 bedeutet für uns eine neue Dimension: Wir arbeiten nicht nur mit den Teilnehmenden im Musaik-Orchester, sondern zusätzlich mit 150 Kindern und Jugendlichen der Oberschule und der Grundschule, dazu mit lokalen Musikensembles wie Kirchenchor oder Hausmusikgruppe; außerdem haben wir zwei neue Erwachsenenensembles gegründet: einen Community-Chor und ein Community-Orchester! Und: Wir blicken mit großer Vorfreude auf die Zusammenarbeit mit unserem professionellen Partnerorchester, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die in dieser Größenordnung bisher noch nicht stattgefunden hat. Höhepunkte sind dann vier Aufführungen im Juni 2026, mit 300 Menschen auf der Bühne und etlichen noch im Hintergrund. Und wenn wir das geschafft haben – dann fällt uns etwas neues Schönes ein!
Vielen Dank für das Gespräch! Wir wünschen alles Gute und viel Erfolg für dieses und alle weiteren Vorhaben und sind gespannt auf die nächsten Projekte!