Interview Porträt 5 Minuten Lesedauer
#Porträt: Music Scapes als künstlerischer Aushandlungsraum einer super-diversen Stadtgesellschaft
Music Scapes entwickelt diversitätssensible, partizipative Musik- und Kunstprojekte mit Vereinen und Menschen unterschiedlichster Communities in Wien. Im Zentrum steht Partizipation als künstlerischer Ausdruck einer vielstimmigen, super-diversen Stadtgesellschaft.
Annemarie Mitterbäck ist Dramaturgin und Musikvermittlerin sowie Gründerin von Music Scapes. Von 2006 bis 2016 war sie als Musikvermittlerin an renommierten Kulturinstitutionen tätig, darunter die Berliner Philharmoniker, das Klangforum Wien, Jeunesse Musicales, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und das Wiener Konzerthaus. Seit August 2024 ist sie Teilnehmerin beim NJO.

Annemarie, du hast Music Scapes 2017/18 als partizipativen Möglichkeitsraum gegründet. Was war deine zentrale Motivation?
Zentral war die Frage, wie aktuelle neue Musik unmittelbar im Stadtgeschehen – mit unterschiedlichen Menschen vor Ort – entstehen und gelebt werden kann. Mir war klar, dass reine Zielgruppenorientierung nicht ausreicht. Ich wollte gesellschaftliche Vielfalt selbst zum Ausgangspunkt partizipativer, künstlerischer Entwicklung machen: nicht vordergründig tradierte Musik vermitteln, sondern aus unterschiedlichen Biografien, Sprachen und musikalischen Traditionen heraus Neues entstehen lassen. Im Zentrum steht dabei immer der künstlerische Prozess als Aushandlungsraum: Wie begegnen wir einander? Und was entsteht daraus?
Ihr arbeitet diversitätssensibel und diskriminierungskritisch. Was heißt das konkret?
Diversitätssensibilität bedeutet für uns eine strukturelle und ästhetische Reflexionsarbeit. Welche Normen gelten als selbstverständlich? Welche Hierarchien sind eingeschrieben? Und wie können wir diese im Prozess bewusst machen und Teilhabe neu verhandeln, um Formen zu entwickeln, die den Menschen in unserer superdiversen Realität gerecht werden? In einem Projekt zeigte sich etwa, dass nicht alle Mitwirkenden auf der Bühne sichtbar sein wollten. Also arbeiteten wir spontan mit aufgenommenen Texten, die von anderen improvisatorisch weitergeführt wurden. Auch das ist diskriminierungssensibles Arbeiten: Formate flexibel an unterschiedliche Bedürfnisse und Realitäten anzupassen. Wir verhandeln als vielstimmiges Kollektiv in einem offenen Raum unterschiedliche Erfahrungen, um gemeinsam in einem Aushandlungsprozess Lern- und Verlernprozesse zu durchlaufen, die wiederum neue Formen der musikalischen und sozialen Begegnung ermöglichen. Diese erprobten Formate können nun wiederum in institutionelle Kontexte und Logiken zurückgespielt werden.
Wie beginnt ein typisches Music-Scapes-Projekt?
Am Anfang steht kein fertiges Konzept, sondern der Kontext: Mit welchen Menschen arbeiten wir? Was bewegt die Menschen im Grätzel? Welche sozialen und politischen Dynamiken prägen den Ort? Die Proben finden meistens im öffentlichen Raum am Platz selbst statt. Gespräche, Alltagsgeräusche und spontane Begegnungen fließen somit kontinuierlich ein. Ein Gespräch kann beispielsweise zu einem Text werden, der in einen Rap oder eine kollektive Improvisation mündet. Eine fluide Dramaturgie rahmt die Begegnungen und überführt sie in eine künstlerische Form. Unser Kollektiv setzt sich aus Musiker:innen, Vermittler:innen, Community-Artists unterschiedlicher Sozialisierung sowie Personen verschiedener Vereine und deren Communities zusammen; es finden sich auch Personen, die im Gesundheits- oder Bildungswesen tätig sind. Dieser kontinuierliche Austausch im heterogenen Team ist wesentlich für unsere Arbeit.
Wie verschiebt sich dabei die Rolle professioneller Künstler:innen?
Wir arbeiten co-kreativ. Unterschiedliche Expertisen – geprägt durch Herkunft, Sozialisation oder musikalische Tradition – greifen ineinander. Wesentlich ist die Haltung: eine diversitätssensible Herangehensweise, Neugier, Infragestellung von Deutungshoheiten, Gleichwertigkeit und Offenheit für andere ästhetische Formen. Wir verstehen Kunst und Alltag nicht als getrennte Sphären. Wenn wir über Monate an einem Ort arbeiten, werden wir Teil dieses sozialen Gefüges – und die Kunsterfahrung geschieht im Alltag.

Kannst du das am Beispiel eures Projekts „Trans:Track“ aus 2025 konkretisieren?
Bei Trans:Track arbeiteten Jugendliche, ein Senior:innenchor und Musiker:innen unterschiedlicher Traditionen und Ästhetiken mit Musiker:innen wie der Klarinettistin Mona Matbou Riahi, dem Kontrabassisten Manu Mayr, der Rapperin Esra Özmen oder dem Wienerlied-Interpreten Helmut Stippich musikalisch zusammen. Jugendliche entwickelten beispielsweise Texte zum Thema „Miteinander“, die wiederum improvisatorisch im Kollektiv interpretiert wurden. Wiener Lieder wurden dekonstruiert und erweitert – mit experimentellen Sounds, Melodien des arabischen und iranischen Raums und Jazzelementen. Die neu entstandene Form mit ihren Verschiebungen und all ihren Mehrdeutigkeiten wurde öffentlich am Platz gezeigt.
Welche Herausforderungen begegnen euch?
Music Scapes entstand aus dem Bedürfnis nach einem Forschungs- und Entwicklungsraum. Die Bereitschaft zur Selbstreflexion und das Einlassen auf nachhaltige Lern- und Verlernprozesse aller Mitwirkenden lassen sich nicht im Schnellverfahren produzieren. Diese prozesshafte Herangehensweise und kollektive Entscheidungsfindung brauchen Zeit und Raum für Beziehungsaufbau, Sensibilisierung und Formfindung sowie weiterhin eine langfristige, stabile Finanzierung. Heute verstehen wir uns als partizipativ wirksames Kollektiv mit professioneller künstlerischer Ausrichtung, das seine Erfahrungen zunehmend wieder in institutionelle Kooperationen einbringt.
Dein Wunsch an die Musikvermittlung der Zukunft?
Eine Praxis, die Vielfalt selbstverständlich als künstlerisches Potenzial aufgreift und vermeintliche Widersprüche aushält, um in offenen, diversitätssensiblen Prozessen neue superdiverse Klangsprachen entstehen zu lassen. Verbindungen und Verflechtungen auf allen Ebenen. Nicht im Entweder-Oder, sondern im verbindenden Sowohl-als-auch.
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke in eure Arbeit!
Weiterführende Infos zu Music Spaces: Music Scapes Website | Music Scapes Instagram | Music Scapes Facebook
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