Interview Porträt 5 Minuten Lesedauer
#Porträt: Neue Musik als Begegnungsraum
Musik der Jahrhunderte (MdJ) zählt zu den international bedeutenden Akteur:innen für zeitgenössische Musik und prägt mit Formaten wie dem Festival ECLAT seit Jahrzehnten die Szene. Fortlaufend beschäftigt sich MdJ dabei mit der Frage, wie Neue Musik einem möglichst diversen Publikum erfahrbar werden kann.
Fabian Lang arbeitet im Bereich Vermittlung und Projektmanagement. Unter dem Titel Spielräume entwickelt MdJ gemeinsam mit Künstler:innen und Communities der (Stadt-)Gesellschaft Projekte und Formate, die im Resonanzraum zeitgenössischer Musik Begegnungen und Austausch ermöglichen. Seit Oktober 2025 ist Musik der Jahrhunderte Teilnehmende beim NJO.

Fabian, wie bist du zur Neuen Musik gekommen und was hat dich daran gereizt?
Ich bin über ein Festivalprojekt zu Musik der Jahrhunderte dazu gekommen. Gleichzeitig hatte ich schon vorher erste Berührungspunkte, etwa beim ECLAT Festival: Einige Konzerte waren spätabends, die Tickets günstig, und das, was ich erlebt habe, war zwar erst einmal irritierend und abgefahren, aber auch faszinierend. Ich erinnere mich z. B. an ein Konzert in einer Turnhalle mit elektronischen Klängen, Bewegung und starken Bässen. Die Mischung aus Ungezwungenheit und gleichzeitig künstlerischer Ernsthaftigkeit hat mich neugierig gemacht.
Ich selbst komme aus der symphonischen Blasmusik und spiele Horn. Auch dort finden sich immer wieder Elemente zeitgenössischer Musik und viel Experimentierfreude im Umgang mit Klang, Struktur oder Instrumentierung.
Welche Rolle spielt Vermittlung in einer Institution, die stark von Uraufführungen und experimentellen Formaten geprägt ist?
Es ist Teil unseres Auftrags, diese Musik zugänglich zu machen. Wir bewegen uns in einer Nische: Vieles ist erklärungsbedürftig, entspricht nicht gewohnten Hörmustern und bedarf einer „Übersetzung“. Vermittlung beginnt bei uns daher schon sehr früh, in der Beschreibung eines neuen Stückes, das noch gar nicht existiert. Dann geht es darum, Einblicke in künstlerische Prozesse zu geben, Bezüge herzustellen und Berührungspunkte zu schaffen. Deshalb versuchen wir, an Themen und Lebenswelten anzuknüpfen: In einem Projekt zu Waldökosystemen haben wir beispielsweise einen Workshop im Wald durchgeführt. In Kooperation mit dem BUND hat eine Gruppe ausgerüstet mit Spezialmikrofonen, gemeinsam mit der Komponistin und einer Wissenschaftlerin Natur- und Umweltklänge aufgenommen.

Neue Musik gilt oft als komplex. Wie schafft ihr Zugänge für Menschen ohne Vorerfahrung?
Entscheidend ist, einen Rahmen zu gestalten, in dem Erleben überhaupt möglich wird. Im Konzert sind erst einmal alle gleich – die Grundvoraussetzung ist einfach das Zuhören. Wenn die Menschen erst einmal im Publikum sitzen, entsteht meist ein sehr intensives Erlebnis, auch wenn es nicht immer im klassischen Sinne „schön“ ist; es geht eher um Irritation, Nachdenken, ein In-Begegnung-Kommen. Die größere Herausforderung ist der Weg, wie Menschen dorthin kommen. Deshalb versuchen wir, sie am künstlerischen Prozess teilhaben zu lassen, ihre Neugier zu wecken und ihnen die Möglichkeit zu geben, eigene Perspektiven zu entwickeln.
Was verbirgt sich hinter euren Projekten unter dem Titel Spielräume?
Ein zentraler Ansatz ist, unterschiedliche Lebenswelten in Kontakt zu bringen. Es geht darum, Orte der Kreativität, des Kunsterlebens, des gegenseitigen Zuhörens und Erzählens zu schaffen. Dabei verstehen wir Neue Musik nicht nur als Kunstform, sondern vielmehr als Ausdrucksmittel. Im gemeinsamen Prozess ergibt sich die Möglichkeit, voneinander zu lernen, Fragen zu stellen, zuzuhören, auszuprobieren und hörbar zu werden. Ein größeres Projekt im Jahr 2027 wird genau das umsetzen: Komponierende entwickeln gemeinsam mit verschiedenen Gruppen aus der Stadtgesellschaft einen ganzen Konzertabend. Ähnlich arbeiten wir auch mit Studierenden oder Sozialarbeiter:innen zusammen, die Expertise und Nähe zu ihren Zielgruppen einbringen und so als Multiplikator:innen in beide Richtungen wirken.
Wie verändern solche partizipativen Ansätze die Perspektive auf Neue Musik?
Sie schärfen die Frage: Für wen machen wir eigentlich Kunst? Es geht dabei nicht um Gefälligkeit, sondern darum, sich mit einem Gegenüber auseinanderzusetzen. Das verändert auch die künstlerische Arbeit selbst, wenn unterschiedliche Perspektiven einfließen.
Beim Festival ECLAT habt ihr neue Formate für jüngere Besucher:innen erprobt. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Formate wie unsere Festivalguides oder die ECLAT Lounge waren erst einmal als Experiment angelegt. Jetzt geht es darum, diese Erfahrungen weiterzuentwickeln und strukturell zu verankern. Solche Angebote brauchen einfach Zeit, um sich zu etablieren – das war uns schon vorher klar. Prinzipiell haben die Ideen aber gut funktioniert und super Resonanzen beim Publikum (auch bei den eingefleischten Neue-Musik-Fans) hervorgerufen.

Deutlich wurde auch, dass vor allem jüngere Zielgruppen frühzeitig und direkt angesprochen werden müssen. Gerade im schulischen Kontext braucht es langfristige Beziehungen und persönliche Zugänge. Gleichzeitig haben wir bemerkt, dass solche Formate nicht nur für das Publikum wichtig sind: Auch die Kunstschaffenden selbst wollen und müssen einbezogen werden. Sehr positiv war auch die Resonanz auf unser KinderECLAT. Es war schön zu erleben, wie groß die Offenheit auf Seiten der Familien, aber auch auf Seiten der Künstler:innen ist. Ein sehr wichtiger Aspekt, der sich bestätigt hat, ist die Rolle von Multiplikator:innen, die zwischen Publikum und der künstlerischen Praxis „übersetzen“ können – da werden wir sicher noch intensiver weiterdenken.
Welche Herausforderungen begegnen euch in eurer Arbeit?
Vor allem die Ansprache. Klassische Kommunikationswege reichen oft nicht aus. Es braucht individuelle Zugänge und Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Hinzu kommt ein gewisses Imageproblem: Neue Musik gilt als schwer zugänglich. Diese Hürde gilt es zu überwinden.
Dein Wunsch für die Musikvermittlung der Zukunft?
Mehr Berührungspunkte schaffen und individuelle Voraussetzungen ernst nehmen. Und: stärker vernetzt arbeiten, auch über Genregrenzen hinweg. Viele Fragestellungen sind ähnlich – hier können wir voneinander lernen. Kooperationen sind dafür zentral.
Weiterführende Infos zu Musik der Jahrhunderte und ECLAT
Unter #Porträt stellen wir jeden Monat Akteur:innen aus der NJO-Community vor, die mit ihrer Arbeit lebendige musikalische Praxis am Puls der Gesellschaft gestalten. Sie möchten ebenfalls Teilnehmer:in werden? Hier gibt’s mehr Infos und das Anmeldeformular
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