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#Porträt: Jennifer Barth

Das NJO im Gespräch mit Jennifer Barth über Kulturelle Teilhabe, Neugier und neue Ansätze

Wenn von Musikvermittlung in Kassel die Rede ist, fällt ihr Name inzwischen häufig. Die Musikerin, Pädagogin und Kuratorin Jennifer Barth hat sich in den vergangenen zehn Jahren ein Arbeitsfeld geschaffen, das klassische Konzertformate, elementare Musikpädagogik und kulturelle Bildung konsequent zusammendenkt – und das weit über Hessen hinauswirkt. Wer ihren Weg verfolgt, erkennt darin eine klare Linie: Musik nicht nur aufführen, sondern zugänglich machen. Und zwar so, dass aus einem Konzertbesuch ein bleibender kultureller Zugang wird. Wer mit ihr zusammenarbeitet, spürt die Freude, Liebe und Leidenschaft, mit der sie ihre Projekte gestaltet. Jennifer Barth ist seit 2023 Mitglied beim NJO.

Jennifer Barth und Ayako Ito als „Die Ohrentänzer“ © Die Ohrentänzer
© Die Ohrentänzer


Jennifer Barth, Sie bereiten Kinderkonzerte vor und nach und schreiben eigenes Unterrichtsmaterial. Was heißt für Sie „nachhaltiger kultureller Zugang“ konkret und woran merkt man, dass er gelungen ist?


Kultureller Zugang ist für mich eng verknüpft mit dem Thema Teilhabe. Jede:r sollte meiner Meinung nach die Möglichkeit haben, am Kulturleben oder an Konzerten teilhaben zu können. Deshalb sorge ich durch Förderanträge oder Spendenaufrufe dafür, dass, nachdem die Künstler:innen honoriert sind, die Kulturtickets so günstig wie möglich gestaltet werden. Wir legen einen Fokus darauf, dass hauptsächlich Schüler:innen und Schulklassen aus Stadtgebieten, in denen Kinder weniger kulturelle Teilhabe zukommt, einen Zugang auch zu diesem Kulturleben bekommen und dass es nicht an finanziellen Mitteln scheitert. Zum Thema Nachhaltigkeit: Diese beginnt bei mir schon beim ersten Schritt. Das ist die Neugierde. Den ersten Schritt der Neugierde bemerke ich während des Projektes, wenn sich die Kinder auf ihre eigene Reise begeben und selbst recherchieren. Sie hören sich zu Hause die Musik noch einmal an, sprechen über die Musik und den:die Komponist:in am Familientisch. Eltern berichten mir von den Erlebnissen der Kinder. Darin sehe ich die Nachhaltigkeit und dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und dann ist natürlich auch noch die Frage: „Wie lange dauert das an?“ Das kann ich nicht immer überprüfen, aber ich habe viele Kinder mittlerweile über Jahre hinweg immer wieder in Projekten begleitet. Diese Kinder sagen mir auch noch nach Jahren, wie viel Spaß und Freude sie daran hatten; dass sie immer noch die Lieder singen können oder dass sie sich nach diesem Projekt auf den Weg begeben haben, in die Musikschule, ein Instrument zu erlernen, in den Chor, in die Ballettschule oder Tanzgruppe.

Diese Musikprojekte sollen immer Türöffner sein und Neugier für Kultur wecken. Wenn da etwas in den Köpfen der Kinder passiert, dann ist das für mich der erste Schritt zur kulturellen Teilhabe.


Sie haben Unterrichtsmaterialien zu Beethoven erstellt und erarbeiten aktuell, im Auftrag des Konzertvereins Kassel e.V. mit dem Spohr-Museum, Materialien zu Louis Spohr. Wie geht man an einen Komponisten heran, der Kindern heute zunächst fremd ist? Sind wir da wieder beim Thema „Neugier“?


Die Neugier ist für mich ein sehr wichtiger Faktor und bringt mich immer wieder auf neue Ideen für weitere Projekte. Wenn ich mich mit eine:r Komponist:in beschäftige, dann entstehen meistens drei Bausteine: einmal die Musik, dann der:die Komponist:in und als drittes das Leben im Kontext der Zeit. Mit diesen drei Bausteinen begebe ich mich auf die Reise und frage mich:  Welche Besonderheiten, welche Anekdoten gibt es zu erzählen? Welche Kleidung haben die Menschen getragen in dieser Zeit? Womit haben sie sich beschäftigt? Was haben sie gerne gegessen? Hatten die Menschen Elektrizität? Sind sie gereist und wenn ja, wohin? Es entstehen also in diesem Kontext ganz viele Fragen, mit denen sich Kinder gut identifizieren können.
Auf der anderen Seite steht die Komposition, die Musik, im Mittelpunkt für mich als Musikvermittlerin. Welche Musik haben die Musiker:innen komponiert? Bei Louis Spohr gibt es zudem ein lokales Interesse, weil Spohr die meiste Zeit seines Lebens in Kassel gelebt hat. Hier gibt es viele Orte, die die Kinder auch selbst besuchen können: der Platz, wo das alte Opernhaus stand, das Gebäude, wo Spohr Billard gespielt hat in den Pausen mit seinen Freund:innen, der Ort des Wohnhauses, der besichtigt werden kann.

Diese Punkte können auch mit in die Unterrichtsmaterialien hineingenommen werden. Mein persönliches Interesse als elementare Musikpädagogin besteht darin, Unterrichtsmaterialien auch EMP-spezifisch, also elementarmusikpädagogisch, zu gestalten, das heißt, dass die Kinder nicht nur etwas zum Ausfüllen haben, sondern dass sie selbst aktiv werden, dass sie im besten Falle über alle Sinne und alle Lernkanäle die Unterrichtsmaterialien aufnehmen und für jede:n auch etwas dabei ist.

Die Kinder können beispielsweise eigene Hörspiele gestalten, sich zu den Melodien Texte ausdenken, die Speisen der Komponist:innen zu Hause nachkochen. Die Gestaltung ist also fächerübergreifend, ganzheitlich und wirkt bis zum Familientisch zu Hause.

© Eeva Ojanperae



Sie sind Gründerin des Ensembles „Die Ohrentänzer“. Welchen Schwerpunkt verfolgen Sie und wie kam es zu diesem Zusammenschluss?


Das Ensemble „Die Ohrentänzer“ besteht aus Ayako Ito am Klavier und mir. Ich habe es 2023 nach der Pandemie ins Leben gerufen, als wir nach dem Kulturstillstand alle so kulturhungrig waren. Wir konzentrieren uns mit diesem Ensemble auf den Bereich Babykonzerte und haben damit eine Lücke gefüllt, da in Kassel bis dahin keine Babykonzerte stattfanden. Nach dem ersten Babykonzert haben wir deutlich festgestellt, wie groß der Bedarf und die Freude daran war. Die Konzerte sind ebenfalls EMP-spezifisch aufgebaut. Wir haben nicht nur Musik, sondern auch Tanz/Bewegung, Stimme/Sprache, und wir laden das Publikum ein, mitzumachen. Alle Sinne werden angeregt.

„Die Ohrentänzer“ waren bei dem neu gegründeten Kasseler Kindermusikfestival „Angedockt!“ 2026 eingeladen und damit eine von drei Musikinitiativen. Es war eine große Freude, dort mitzuwirken. Wir haben dort zusammen mit Svetlana Smertin, Professorin für Rhythmik an der HfM Dresden, unser „Konzerte ohne Sprache“ aufgeführt, ein Konzert, in dem die Sprache in den Hintergrund tritt und die Stimme als Geräusch und zusätzliches Instrument eingesetzt wird. Damit ist das Konzert weltweit aufführbar, da es keine Sprachbarriere gibt. Es ist zudem für jüngere Kinder im Kindergarten und der Grundschule geeignet, bei denen oftmals noch Sprachbarrieren bestehen. Die Kinder verstehen das Konzert auch ohne gesprochene Sprachen, weil die Musik eine universelle Sprache ist.


Sie haben 2023 das „Musikfestival der Jugend“ gegründet, das jetzt als „Barnekonsert“ weiterläuft. Wann wussten Sie, dass so ein Festival in Kassel fehlt, und was hat sich bis zur zweiten Ausgabe geändert?


In Kassel gibt es ein wunderbares Kulturprogramm mit namenhaften Künstler:innen, allerdings habe ich festgestellt, dass doch recht wenige Künstler:innen von außerhalb nach Kassel kommen, obwohl wir so gut und zentral gelegen sind. Und da ich ein großes Umfeld von Künstler:innen und Ensembles habe, ist die Idee entstanden, diese und weitere Ensembles nach Kassel einzuladen. Es gibt in jeder Ausgabe ein Thema bzw. einen Schwerpunkt. Das Konzertfestival 2023 war rein für Schulklassen gestaltet und umfasste unterschiedliche Genres: klassische Musik, transkulturelle Musik, Chanson.

Bei der Auswertung der ersten Ausgabe habe ich als Feedback mitgenommen, dass das Interesse bei vielen Schüler:innen sehr groß ist und dass sie gerne noch einmal in diese Konzerte zusammen mit ihren Familien gehen würden. So ist die Idee der Familienkonzerte entstanden, die nun in der zweiten Ausgabe 2027 zusätzlich angeboten werden. Der Schwerpunkt in der zweiten Ausgabe umfasst Musik, Theater und Bildende Kunst und das Spannungsfeld zwischen diesen Künsten.

Bei den Konzerten ist es mir wichtig, dass im Anschluss Zeit und Raum gegeben wird, um eine Brücke zu schlagen zwischen Künstler:innen und Publikum, dass die Kinder den Künstler:innen ihre Fragen stellen können; dass sie das Instrument ausprobieren können, dass sie nochmal unterschiedliche Instrumente allein hören dürfen und nicht nur im Zusammenhang. Je nahbarer wir uns als Künstler:innen dem Publikum machen, desto geringere Hemmschwellen sind vorhanden, am Kulturleben teilzunehmen und auch einzusteigen.

Zusätzlich erstelle ich Unterrichtsmaterialien für die jeweiligen Konzerte. Jede Klasse hat also die Möglichkeit, dass ich vor oder nach dem Konzert noch mal zu ihnen komme und wir über das Konzert sprechen, unterschiedliche Lieder des Konzertes singen, einen besonderen Rhythmus aufnehmen, den sie gehört haben, und in Body-Percussion umwandeln. Damit entsteht ein Rundum-Programm für die Schüler:innen.

Jennifer Barth und Ayako Ito als „Die Ohrentänzer“ beim Festival „Angedockt!“ © Eeva Ojanperae
© Eeva Ojanperae


Sie haben rund um den 165. Geburtstag der Komponistin Luise Greger ein Festival kreiert. Wie kam es dazu und wie holt man eine wiederzuentdeckende Komponistin zurück ins Bewusstsein?


Das Luise-Greger-Festival ist entstanden, weil ich die Familie Greger kenne, die ja auch in Kassel lebt. Eigentlich war es ein Zufall, dass wir auf dieses Thema in einem Gespräch gekommen sind. Susanne Heitkamp, die Urururenkelin von Luise Greger, erzählte, dass sie jüngst ein Kinderkonzert mit Musik ihrer Ahnin konzipiert hatte und in Frankfurt a.M. zur Aufführung gebracht hat. Und so kamen wir zusammen. Dass sich der Geburtstag zum 165. Mal jährt, war dann mehr als passend, um dieses Konzert auch in Kassel zur Aufführung zu bringen. Das Thema „Komponistinnen in ihrer Zeit“ schwingt da natürlich sehr präsent mit. Die Musik von Luise Greger war bis in die 1990er Jahre in Vergessenheit geraten. Dann wurde sie erst peu à peu wiederentdeckt, da ihre Werke teilweise verschollen waren. Die Familie erzählte mir, dass die Noten in einer Truhe lagen und niemand Kenntnis darüber hatte. Vor 30 Jahren wurde diese Truhe geöffnet und dieser ganze Notenschatz gehoben.

Das Luise-Greger-Festival, das vom 6. bis 8. November 2026 stattfindet, beinhaltet zwei Schulklassenkonzerte, ein Familienkonzert und eine Liedermatinee. Und auch hier runden wir das Festival mit EMP-spezifischen (Unterrichts-)Materialien ab. Zusätzlich ist ein Hörspiel entstanden für Jugendliche und Erwachsene, die unser Programm mit nach Hause nehmen möchten.

 
Der von Ihnen gestaltete Wettbewerb „EMPerformance“ möchte Künstler:innen der Elementaren Musikpädagogik ein professionelles Podium bieten, eigenständig entwickelte performative Bühnenkonzepte zu präsentieren. Was soll der Wettbewerb im Feld bewegen?


In der Ausbildung der Elementaren Musikpädagogik ist das Wort „Pädagogik“ ja bereits enthalten. Unser Studiengang nennt sich aber immer künstlerisch-pädagogisches Studium; das bedeutet, wir müssen auf einem hohem Niveau Musik, Tanz, Stimme und Sprache auf die Bühne bringen können. Das Künstlerische kam mir bislang viel zu kurz in vielen Formaten. Der Wettbewerb soll als Plattform dienen, auf der sich Elementare Musiker:innen auch als Künstler:innen präsentieren können. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf Kinderkonzerte im Alter von 5 bis 10 Jahren. Der Wettbewerb soll alle zwei Jahre für unterschiedliche Alterskategorien angeboten werden, aber diesmal soll die Bühne geschaffen werden für die Kinderkonzerte. Die Resonanz war groß! Wir hatten viele Einsendungen aus Deutschland und aus Österreich.

Weitere Informationen unter
https://www.ohrentaenzer.com/
https://www.instagram.com/sound_of_youth2026

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