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#Porträt: Das Bildungsprojekt „SING!“ des Rundfunkchores Berlin

Mit Carola Rühle-Keil und Steffi Klein über Freude und Mut beim Entdecken der eigenen Stimme, sich verändernde Anforderungen an Schulen und was Musikvermittlung dort wirklich braucht

Steffi Klein, Kulturwissenschaftlerin, Regieassistentin und systemische Coachin, hält seit März 2025 alle Fäden als Projektleitung bei „SING!“ zusammen.  

Carola Rühle-Keil, diplomierte Chorleiterin, Dozentin und Künstlerische Leiterin des Kinderchores der Staatsoperette Dresden, ist seit 2018 als Chorlehrkraft und musikpädagogische Leiterin für „SING!“ tätig.

Mit dem Bildungsprogramm „SING!“ begleitet der Rundfunkchor Berlin teilnehmende Berliner Grundschulen über drei Jahre. Wöchentlich finden Kinderchorangebote und Fortbildungen für Lehrkräfte und Erzieher:innen statt. Ziel ist es, das Singen als selbstverständliches Ausdrucksmittel im Schulalltag zu verankern. Der Rundfunkchor Berlin ist seit 2012 Teil des NJO.

Das Bild zeigt den Sänger Peter Ewald an einer Grundschule für das Bildungsprogramm „SING!“ des Rundfunkchores Berlin © Peter Adamik
Das Bild zeigt den Sänger Peter Ewald an einer Grundschule für das Bildungsprogramm „SING!“ des Rundfunkchores Berlin © Peter Adamik

Das Bildungsprogramm „SING!“ vom Rundfunkchor Berlin gibt es inzwischen seit 15 Jahren. Herzlichen Glückwunsch! Was macht den Kern des Programmes aus und was hat sich auch über die Jahre verändert bzw. weiterentwickelt?

Steffi Klein  

Was unser Programm besonders macht, ist die langfristige Zusammenarbeit: Wir begleiten die Schulen über drei Jahre. Solche kontinuierlichen Kooperationen sind in der Musikvermittlung eher selten. Ein weiterer wichtiger Aspekt von „SING!“ ist die Nachhaltigkeit, die durch die langfristige Arbeit an Schulen angestrebt wird. Durch die Fortbildungen, die wir wöchentlich den Lehrkräften und dem pädagogischen Personal anbieten, initialisieren wir, dass das Singen mit den Kindern weitergeführt wird, auch wenn wir die Schule verlassen. Denn die Pädagog:innen erlernen in den wöchentlichen Fortbildungen, wie man das Singen kindgerecht anleitet. Sie erhalten professionelle Stimmbildung und umfangreiche Methoden, das Repertoire im Schulalltag zu integrieren. Entsprechend sind die Lehrkräfte und Pädagog:innen der Schule unsere Schlüsselakteure und Multiplikator:innen. Die Kinder wachsen aus der Schule heraus, aber die Pädagog:innen bleiben – und somit auch das Singen.

Carola Rühle-Keil  

Das Projekt entwickelt sich immer weiter. Es ist kein starres Konzept, sondern ein flexibler Ansatz innerhalb klarer Rahmenbedingungen. Kinder, Schulen, das Schulsystem und der Schulalltag verändern sich – deshalb evaluieren wir regelmäßig: Was wird gerade in der Gesellschaft und an den Schulen gebraucht?

Jede Schule ist ein eigener Kosmos mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen. Wie gelingt es euch, die konzeptionelle Idee von „SING!“ jeweils den Bedingungen vor Ort anzupassen oder diese zusammenzubringen?

Carola Rühle-Keil  
Das gelingt, indem wir sehr nah an den Schulen arbeiten und mit allen Beteiligten im Gespräch bleiben. Wir fragen: Was möchte die Schulleitung, was die Teilnehmenden der Fortbildung, was wollen aber auch die Kinder? Es ist möglich, dass sich im Verlauf des Projektes an der Schule Ziele oder Wünsche ändern, weil vielleicht ein besseres Verständnis für die Inhalte oder die Thematik entstanden ist. Das können wir sehr flexibel erneuern, wenn sich Bedarfe ändern.

Welche Beobachtungen habt ihr in Bezug auf Veränderung innerhalb dieser drei Jahre gemacht? Was verändert sich bei den Kindern, den Lehrkräften im Schulalltag? Was braucht es in solchen Prozessen, um Strukturen zu etablieren?

Carola Rühle-Keil  

Was wir beobachten können, ist, dass die wöchentlichen Chorstunden sowie Fortbildungen und somit auch das Singen im Laufe der drei Jahre zu einer absoluten Normalität werden. Und das ist toll zu sehen, denn genau das ist das Ziel des Projektes: Singen und den Umgang mit der Stimme in den Schulalltag zu integrieren.
Diese Kontinuität, die wir mit unseren wöchentlichen Besuchen bieten, ist für die Schulen auch etwas sehr Besonderes. Täglicher Schulalltag zeichnet sich oft durch „Feuerlöschen“ aus: Es gibt zu wenig Lehrkräfte und Material und dazu sind tagtäglich andere Themen aktuell, die brennen und gelöst werden müssen. Aber wir sind jede Woche da, egal, was an der Schule aktuell passiert. Dadurch entsteht Vertrauen und wächst Verlässlichkeit.


Steffi Klein

In den Abschlussevaluationen frage ich unter anderem, was sich für die teilnehmenden Lehrkräfte und Erzieher:innen verändert hat. Ein wichtiger Punkt ist, dass die teilnehmenden Lehrkräfte im Laufe des Projektes ihre Hemmungen vor dem gemeinsamen Singen verloren haben. Die eigene Stimme zu zeigen kann eine sehr verletzliche Sache sein und erfordert Mut. Das geht auch Lehrkräften und Pädagog:innen so, die schon lange im Berufsleben stehen. Wir erleben es oft am Anfang des Projektes: Die Lehrkräfte sind alle hoch motiviert zu singen. Wenn sie dann aber in der Fortbildung gemeinsam in der Gruppe stehen und singen sollen, dann gibt es doch erst einmal einen kurzen Moment des Zögerns: „Huch, stimmt ja, da sind ja auch noch Kolleg:innen und jetzt soll ich meine Stimme zeigen“. Diese Sorgen und Hemmungen abzubauen, ist mitunter auch unsere Aufgabe. Es ist dann einfach schön zu erleben, wie wir Lehrkräften und Erzieher:innen bedürfnisorientiert Mut machen können, sich zunächst untereinander und später auch in der Schule mit ihrer Stimme zu zeigen.

Was verändert sich bei den Schüler:innen durch das Programm? Und was lernen die professionellen Sänger:innen des Rundfunkchores Berlin wiederum aus diesem gemeinsamen Projekt?

Carola Rühle-Keil
Wir öffnen den Kindern eine Tür zu einer meist vollkommen fremden Welt, der sie mit Ehrfurcht, oft aber auch – vor allem zu Beginn – mit Unverständnis begegnen.
Wir zeigen ihnen, dass sie diese Welt ohne Bedenken betreten und sich daraus für sich nehmen können, was sie brauchen. Wir können Kinder durch diese musikalische Erfahrung stärken, beispielsweise auf sozialer Ebene, wie sie miteinander umgehen. Beim Singen lernen sie bestimmte Regeln, aber auch, wie einfach sie sich mit der Gruppe verbinden können, in der sie zusammen singen.

Aber wir können die Schule auch in ihren Lerninhalten und der Sprachförderung unterstützen: So lernen die Kinder über das Singen in verschieden Sprachen, besser mit der eigenen Aussprache umzugehen. Die Vokabeln oder Matheaufgaben können gereimt oder in einem Rhythmus viel besser gelernt und verinnerlicht werden.
Durch Musik fällt es manchen Kindern leichter, zu lernen. Kinder können sich zudem durch das Singen emotional regulieren: Man kann eine Klasse, die völlig wild aus der Hofpause kommt, mit einem entsprechenden Lied oder einer Body Percussion in eine Ruhe bekommen oder aber eine Klasse, die kurz vor dem Einschlafen ist, mit einem Refresher wieder wach und munter kriegen.
Was die Pat:innen aus dem Rundfunkchor Berlin mitnehmen, ist diese Berührung und Begegnung mit dem aktuell gängigen Schulalltag als Profis. Auf einer musikalisch professionellen Ebene mit Kindern in Kontakt zu treten und ihnen diese Profiwelt zu eröffnen, ist den meisten Sänger:innen neu. Und es ist spannend zu sehen, wie jeder Pate und jede Patin das auf eine ganz eigene Weise regelt und emotional beschenkt aus solchen Begegnungen herausgeht.


Welchen inhaltlich-methodischen Ansatz habt ihr? Ihr arbeitet ja ohne Noten und verbindet das Singen mit Bewegung. Was ermöglicht genau dieser Zugang, gerade für Kinder mit ganz unterschiedlichen musikalischen Vorerfahrungen?

Carola Rühle-Keil  
Es ist die niedrigschwelligste Art, mit der man in Kontakt treten kann und mit der wir den Kindern ermöglichen können, mit dem Singen zu beginnen, weil eben keine Notenkenntnisse nötig sind. „SING!“ ist ein ganzheitlicher Ansatz, da wir über Bewegungen in das Singen kommen. Die Kinder erarbeiten sich das Singen also nicht über das Ablesen der Noten, sondern über das körperliche Erfahren und das Fühlen der Musik. Ein weiterer toller Effekt ist, dass durch Bewegungen der Text viel leichter memoriert werden kann als wenn er nur abgelesen wird.

Wie findet „SING!“ seine Schulen und wie wichtig ist dabei die Frage, welche Schulen ihr erreicht? Geht ihr beispielsweise gezielt auf Schulen zu, die vielleicht nicht von selbst nach einem solchen Angebot suchen?

Steffi Klein  

Wir arbeiten mit Schulen, die ganz unterschiedlich aufgestellt sein können: Wir haben Schulen dabei, deren Schülerschaft vielfältig zusammengesetzt ist oder die bislang weniger in die kulturelle Infrastruktur eingebunden sind. Ebenso sind auch Schulen im Programm, an denen es bereits kulturelle Angebote gibt. Wichtig ist uns, dass wir vor allem die Schulen erreichen, die bisher nur wenig im Unterrichtsalltag singen, dies aber durch das Programm nachhaltig ändern wollen.
Generell kann sich jede Berliner Grundschule über unser Onlineformular bei uns bewerben, welches wir regelmäßig durch unsere öffentlichen Kanäle bewerben. Dazu sind wir auch mit unseren kooperierenden Bezirksmusikschulen in Kontakt über mögliche Kooperationen mit interessierten Schulen. Wir sind entsprechend parallel mit mehreren Schulen im Austausch und entscheiden dann, welche das Programm gut umsetzen kann, aber auch, wo wir es gut aufgehoben sehen, um kulturelle Teilhabe und Musikvermittlung zu etablieren.
Zusätzlich bieten wir einen Jump-in-Workshop an. In diesem Format laden wir interessierte Schulen zu einer kompakten Informationsveranstaltung mit praktischem Anteil ein. Die Teilnehmenden sehen eine kurze Singstunde mit Kindern und erhalten so einen unmittelbaren Eindruck von unserer Arbeitsweise.
Anschließend stellen wir das „SING!“-Programm vor und beantworten Fragen vor Ort – auch zum Bewerbungsverfahren. Der Workshop ist ein guter Einstieg, um das Programm kennenzulernen.


„SING!“ ist auf langfristige Beziehungen und nachhaltige Veränderungen ausgerichtet und gleichzeitig gibt es aber dieses Spannungsfeld, dass Kulturarbeit häufig von befristeten Förderzeiträumen geprägt ist. Habt ihr da auch die Erfahrung gemacht, dass euer langfristiger Ansatz mit dieser Projektlogik der Kulturförderung in Spannung gerät?

Steffi Klein  
Wir haben verschiedene Fördersäulen aufgebaut: Zum einen ist die Ernsting Kunst- und Kulturstiftung ist mit an Bord, deren Förderlogik sich natürlich von der öffentlicher Fördergeber unterscheidet. Zum anderen werden wir von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sowie den Freunden und Förderern des Rundfunkchores Berlin e.V. gefördert.
Grundlegend ist es so – wie auch bei der Mehrzahl anderer Projekte der kulturellen Bildung – dass wir jedes Jahr erneut Geld für „SING!“ beantragen müssen. Entsprechend können wir Honorar- und Kooperationsverträge nur für den Bewilligungszeitraum eines Kalenderjahres abschließen – obwohl die Projektlaufzeit insgesamt auf drei Jahre angelegt ist. Für die meisten Schulen und Projektpartner ist das unproblematisch, aber es gibt durchaus auch Schulen, die dann sagen: „Wie sicher ist es, dass wir das Projekt bis zum Ende führen können? Das Projekt soll drei Jahre laufen, ihr macht mit uns aber nur einen Jahresvertrag.“ Es ist eine Unsicherheit da, die wir gemeinsam aushalten müssen, und die meisten Schulen lassen sich darauf glücklicherweise ein.

Was habt ihr durch das Programm „SING!“ darüber gelernt, was Musikvermittlung braucht, damit sie nicht nur punktuelle, musikalische Erlebnisse oder Höhepunkte ermöglicht, sondern langfristig bei Menschen und in Strukturen etwas verändert?

Carola Rühle-Keil  

Das Wichtigste ist, über eine lange Zeit vor Ort zu sein, Schulen durch viele Höhen, Konzerte, großartige Events zu begleiten. Aber eben auch da zu sein, wenn es mal mühsam ist, jede Woche die Kinder zusammen zu holen oder sich selbst zu motivieren. Dass wir auch in diesen Momenten da sind, ist die Stärke des Projektes. Und dass wir das über drei Jahre tun. Außerdem unsere Präsenz mitten im Haus Außerdem sind unsere Chorlehrkräfte an den „SING!“-Tagen in der Schule auch über die „SING!“-Stunden hinaus präsent; die Gespräche im Lehrerzimmer oder im Gang mit der Schulleitung ankern dieses Projekt auch auf diese Weise an den Schulen.

Was würdet ihr euch wünschen an äußeren Bedingungen, um genau diese Art von langfristiger Musikvermittlungsarbeit gut aufrechterhalten zu können?

Steffi Klein  
Wenn ich mir frei heraus etwas wünschen dürfte, wäre es eine gesicherte Projektfinanzierung ohne Ablaufdatum. Die Finanzierung ist einfach bislang der größte Unsicherheitsfaktor. In der Kultur hängt sie oft wie ein Damoklesschwert über langfristiger Arbeit. Mehr Planungssicherheit wäre deshalb sehr wichtig: „SING!“ ist kein einmaliges Vorhaben, sondern ein über 15 Jahre gewachsenes Programm.
Wir wünschen uns, dass „SING!“ fortbestehen und sich mit der Berliner Schullandschaft weiterentwickeln kann – damit wir Kinder, Lehrkräfte und Erzieher:innen an den Schulen weiterhin langfristig unterstützen können.

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