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#Porträt: Vom Konzerthaus zum Begegnungsort – Öffnung beginnt mit Beziehungen

Mit Franziska Kloos im Gespräch über Öffnung, Gastgeberschaft und Musikvermittlung am Gewandhaus Leipzig

Franziska Kloos ist Leiterin der Musikvermittlung des Gewandhausorchesters Leipzig. Das Gewandhaus Leipzig ist seit 2009 Teilnehmer beim NJO. 

In den Herbstferien erobern Kinder im Grundschulalter das Gewandhaus bei der Bunten Bühnenbande ©Sabrina Werner

Franziska, dein beruflicher Weg führte dich von Österreich nach Mitteldeutschland, zunächst an die Oper Graz, dann ans Theater Erfurt und heute leitest du die Musikvermittlung des Gewandhausorchesters in Leipzig. Wie haben diese unterschiedlichen Erfahrungen deinen Blick auf Musikvermittlung, Partizipation und die Rolle von Kulturinstitutionen geprägt?

Mit dem Wechsel nach Graz habe ich erst einmal einen großen Unterschied erlebt. Ich habe in Essen im Ruhrgebiet studiert, einer Region, die kulturell und sozial unglaublich divers ist. Mich hat immer fasziniert zu sehen, wie Kultur ermöglicht, in Kontakt mit unterschiedlichen Lebensrealitäten zu kommen. Nach Österreich zu gehen, war dann eine riesige Veränderung. Man spricht dieselbe Sprache und doch ist vieles anders. In Graz habe ich als sehr angenehm empfunden, dass Kulturinstitutionen gesellschaftlich eine große Akzeptanz haben. Ich hatte den Eindruck, dass es ein breites Publikum gibt, das ganz selbstverständlich sagt: „Ja, man geht in die Oper.“ Gleichzeitig gibt es auch dort viele Menschen, die sich nicht angesprochen fühlen, sonst würde es unsere Arbeit gar nicht brauchen.

Wie haben sich Erfurt und dann Leipzig davon unterschieden?

In Erfurt habe ich gemerkt, dass es andere kulturelle Bezüge gibt, als ich sie aus Westdeutschland kenne. Gleichzeitig sind dort die Unterschiede zwischen Stadt und Land oder zwischen Innenstadt und Außenbezirken sehr präsent. Das hat mich beschäftigt und dieser Gedanke begleitet mich bis heute: Wir können nicht erwarten, dass die Menschen zum großen Leuchtturm kommen. Wir müssen selbst hinausgehen und auf einer ganz menschlichen Ebene in Kontakt treten.

Damit schließt sich für mich auch ein Kreis zu meinen ersten Erfahrungen mit Community-Projekten während des Studiums. Dort habe ich erlebt, dass Musik Kommunikation ermöglicht, unabhängig davon, welche Sprache Menschen sprechen oder woher sie kommen. Deshalb ist mir wichtig zu sagen: Das Gewandhaus ist ein Leuchtturm, seine Strahlkraft reicht in die ganze Welt. Aber es ist eben kein Elfenbeinturm. Wir interessieren uns für die Menschen in der Stadt, für ihre Perspektiven und dafür, was sie zu sagen haben. Und wir wollen schauen, was daraus gemeinsam entstehen kann.

Viele Kultureinrichtungen beschäftigen sich derzeit intensiv mit der Frage, wie sie sich öffnen können. Was bedeutet Öffnung für das Gewandhaus und welche Veränderungen bringt dieser Prozess mit sich?

Öffnung bedeutet für uns zunächst ganz konkret, rauszugehen. Eine Kollegin arbeitet seit zwei Jahren regelmäßig im Leipziger Stadtteil Grünau und entwickelt dort gemeinsam mit einem Partner vor Ort musikalische Angebote. Es geht darum, da zu sein, Beziehungen aufzubauen und zunächst einmal eine Community entstehen zu lassen. Von dort aus können dann Brücken zum Gewandhaus entstehen.

Gleichzeitig geht es aber auch darum, das Gewandhaus selbst zu öffnen. Wir wünschen uns, dass Menschen das Haus nicht nur als Konzertort erleben, sondern als einen Ort, an dem sie willkommen sind und sich aufhalten können. Ein Beispiel dafür ist das WandelWerk. Dort laden wir Menschen ab 14 Jahren ein, nicht nur mitzugestalten, sondern selbst zu gestalten. Sie können musikalische oder andere künstlerische Ideen einbringen, aber genauso organisatorische Verantwortung übernehmen und überlegen: Wie entsteht eigentlich ein Projekt? Was braucht es für eine Bühne? Wie erreicht man Publikum?

Konzentration auf allen Seiten beim BIB:Feeling ©Sabrina Werner

Was für Projekte entstehen dabei?

Im kommenden Jahr arbeitet das WandelWerk auf ein gemeinsames Konzert mit dem Stegreif Orchester hin. Die Teilnehmenden entwickeln eigene Beiträge, die Teil dieser Aufführung werden. Darauf freuen wir uns sehr, auch weil das Konzert im Rahmen des großen Beethoven Festivals stattfindet und einem breiten Publikum zeigt, was entstehen kann, wenn Menschen eingeladen sind, sich einzubringen.

Zur Öffnung gehört für mich aber genauso Gastgeberschaft. Wir sprechen im Haus immer wieder darüber, wie das Gewandhaus noch stärker ein offener Ort werden kann. Und so entwickelten zwei Kolleginnen als ersten Schritt das BIB:FEELING: Studierende konnten das Gewandhaus als Lernort nutzen, Proben erleben und die besondere Atmosphäre des Hauses erfahren; daraus sind viele Begegnungen entstanden. Langfristig wünschen wir uns, dass das Gewandhaus noch stärker ein Ort wird, an dem Menschen einfach gerne sind. Ein Ort, an dem spürbar wird: Dieses Haus interessiert sich für die Menschen seiner Stadt. Das ist unser Gewandhaus.

Wenn Menschen nicht mehr nur Publikum sind, sondern ihre Perspektiven, Erfahrungen und Ideen in künstlerische Prozesse einbringen: Was verändert das für die Beteiligten und für das Gewandhaus selbst?

Das Schönste ist für mich, dass bei solchen Projekten beide Seiten gewinnen. Man lernt voneinander und nimmt auch wahr, wie man selbst als Institution gesehen wird. Das finde ich sehr hilfreich. Ich glaube, dass das Gewandhaus davon enorm profitiert. Die Menschen identifizieren sich in Leipzig ohnehin sehr stark mit ihrem Gewandhaus und ihrem Orchester. Wenn sie aber selbst Teil davon werden, fühlt sich diese Verbindung noch einmal anders an. Wir sind ein öffentlich gefördertes Haus und haben den Auftrag, für die Menschen der Stadt da zu sein, insofern sollten wir sie auch beteiligen.

Damit stellt sich aber auch die Frage, wie man Strukturen für Offenheit schafft. Wie plant man Freiräume, ohne schon jedes Detail zu kennen? Und wie bringt man das mit Räumen, Dienstplänen und den vorhandenen Ressourcen zusammen? Wir erleben, dass es auch in einem großen Haus funktionieren kann, Freiräume bewusst einzuplanen und die konkrete Ausgestaltung später gemeinsam zu entwickeln. Eine wichtige Erkenntnis war für uns außerdem, dass Offenheit nicht bedeutet, künstlerische Qualität aufzugeben. Im Gegenteil: Wir schaffen neue Kontexte und neue Möglichkeiten, einen persönlichen Bezug zur Musik herzustellen. Die Qualität bleibt dieselbe. Der Veränderungsprozess betrifft nicht nur die Menschen außerhalb des Hauses. Wenn Kolleg:innen aus anderen Bereichen an Musikvermittlungsprojekten beteiligt sind, erleben wir häufig, dass sie dafür Feuer fangen, ob Orchestermusiker:innen, Technik, Betriebsbüro oder Fundraising.

Musiker des Gewandhausorchesters in Vorbereitung auf die SlamConfusion ©Martin Seifert

Mit der Konzertreihe „Confusion“ entwickelt ihr Formate für junge Erwachsene, die klassische Konzertkonventionen bewusst hinterfragen. Was lernt das Gewandhaus durch solche Formate?

Im vergangenen Herbst haben wir mit Confusion – Klassik trifft Club einen ersten Versuch gestartet. Der Abend begann mit einem klassischen Konzert im Großen Saal mit dem Gewandhausorchester im Frack und in der gewohnten Konzertatmosphäre. Danach wechselten Publikum und Musik ins Foyer. Dort ging es mit einem DJ und unserem Konzertmeister der zweiten Violinen an der E-Geige und Loopstation weiter. Dabei wurden immer wieder Bezüge zur zuvor gehörten Musik hergestellt. Das Publikum hat diese Brücken begeistert aufgenommen. Gleichzeitig war die Zusammensetzung eine andere als in unseren klassischen Sinfoniekonzerten. Es waren viele jüngere Menschen da, insgesamt aber ein sehr gemischtes Publikum. Das fanden wir sehr schön. Für uns war dieses erste Konzert auch intern wichtig, damit das Haus erleben kann, das solche Formate funktionieren.

Wenn ihr auf die kommende Spielzeit blickt: Welche Impulse möchtet ihr im Bereich Musikvermittlung und bei den Angeboten für junge Erwachsene setzen?

Wir möchten beide Bereiche konsequent weiterentwickeln. Die Reihe Confusion geht weiter und setzt den Gedanken „Klassik trifft Club“ fort. Diesmal möchten wir den Live-Charakter noch stärker in den Mittelpunkt stellen. Außerdem planen wir mit „Klassik trifft Poetry Slam“ ein Konzert, das Mendelssohns Sommernachtstraum mit neuen Texten verbindet. Uns interessiert, welche Verbindungen zwischen der Musik und heutigen Perspektiven entstehen.

„Klassik trifft Stegreif“ erfindet Beethovens 9. Sinfonie neu. Was das WandelWerk am Ende ausdrücken möchte und in welcher Form das geschieht, wissen wir zu Beginn selbst noch nicht und genau das ist Teil des Prozesses und natürlich auch das Spannende. Auch das BIB:FEELING wird fortgesetzt, nachdem der erste Durchgang ein solch toller Erfolg war.

Grenzen überwinden macht Spaß ©Sabrina Werner

Was ist mit den Angeboten außerhalb des Gewandhauses?

Im Stadtteil entstehen Mitsing-Workshops und Konzerte, die schließlich in einem gemeinsamen Abschlusskonzert im Gewandhaus münden. Gleichzeitig möchten wir die Zusammenarbeit mit den Gewandhauschören intensivieren. Sie sind schon heute eine wichtige Brücke in die Stadtgesellschaft und bringen viele Vermittlungsgedanken ganz selbstverständlich mit. Dieses Potenzial möchten wir künftig noch stärker gemeinsam nutzen.

Insgesamt setzen wir verstärkt auf Kooperationen, innerhalb des Hauses ebenso wie mit Partner:innen aus der freien Szene oder anderen Kulturinstitutionen in Leipzig. Unterschiedliche Arbeitsweisen zusammenzubringen, ist manchmal herausfordernd, eröffnet aber immer wieder neue Perspektiven und neue Zugänge.

Öffnung ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein Prozess. Was braucht es innerhalb der Institutionen aber auch kulturpolitisch, damit Musikvermittlung als Querschnittsaufgabe dauerhaft verankert werden kann?

Zunächst braucht es Zeit. Im Haus muss Vertrauen wachsen und sichtbar werden, welches Potenzial in dieser Arbeit steckt. Es geht darum, zu erleben, welche Wirkung diese Projekte entfalten können. Dann wird Musikvermittlung nicht mehr als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, sondern als selbstverständlicher Teil dessen, was eine Kulturinstitution ausmacht.

Zeit alleine wird aber vermutlich nicht reichen, oder?

Gleichzeitig brauchen wir Strukturen, die diese Offenheit ermöglichen. Wenn Angebote dauerhaft bestehen sollen, müssen dafür Freiräume, Personal und Ressourcen eingeplant werden. Natürlich ist das auch eine Finanzierungsfrage. Gleichzeitig geht es aber um etwas Grundsätzlicheres: Wir haben in Deutschland das große Glück, dass unsere Kulturinstitutionen öffentlich finanziert werden. Das ist ein großer Luxus, aber keine Selbstverständlichkeit. Deshalb müssen wir uns immer wieder fragen, wie wir unseren Auftrag erfüllen, für die Menschen einer Stadt da zu sein. Dieses Selbstverständnis weiterzuentwickeln, ist eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre.

Weiterführende Infos zum Gewandhausorchester Leipzig: https://www.gewandhausorchester.de/

Unter #Porträt stellen wir jeden Monat Akteur:innen aus der NJO-Community vor, die mit ihrer Arbeit lebendige musikalische Praxis am Puls der Gesellschaft gestalten. Sie möchten ebenfalls Teilnehmer:in werden? Hier gibt’s mehr Infos und das Anmeldeformular


Der Fotoheader des Blogbeitrags zeigt David Wedel bei der DanceConfusion – vom Konzertsaal auf die Tanzfläche ©Martin Seifert

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