Diskurs Kulturpolitik 6 Minuten Lesedauer
Vom Projekt zur Struktur – MEHR MUSIK! Augsburg als Modell nachhaltiger Musikvermittlung
Manchmal beginnen wegweisende Kulturentwicklungen nicht mit großen Gesten, sondern mit einer leisen Setzung. In Augsburg war es 2008 ein Projekt mit klarem Auftrag: MEHR MUSIK!, angesiedelt im Kontext des bundesweiten Netzwerks Neue Musik, wollte zeigen, dass Gegenwartsmusik kein Randphänomen ist, sondern ein lebendiger Bestandteil urbaner Kultur sein kann.
Dass dieses Projekt bis heute fortbesteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Es erzählt von einem kulturpolitischen Verständnis, das Musikvermittlung nicht als zeitlich begrenztes Projekt begreift, sondern als dauerhafte öffentliche Aufgabe.
Unter der kontinuierlichen Projektleitung von Ute Legner entwickelte sich MEHR MUSIK! Schritt für Schritt zu einem beispielhaften Modell dafür, wie Musikvermittlung langfristig in kommunalen Strukturen verankert werden kann.

Die Verschiebung der Perspektive
Schon früh wurde deutlich, dass es hier um mehr ging als um die Vermittlung eines Repertoires. MEHR MUSIK! setzte von Anfang an auf eine grundlegende Verschiebung der Perspektive: weg vom bloßen Hören, hin zum eigenen Tun. Musik erscheint nicht als fertiges Objekt, sondern als ein Prozess, an dem man teilnehmen kann. Diese Haltung durchzieht das Programm bis heute.
In Workshops, Klangexperimenten oder Musiktheaterprojekten begegnen Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Musik nicht als distanziertes Publikum, sondern als Beteiligte. Die Erfahrung, selbst Teil eines künstlerischen Prozesses zu sein, verändert den Blick und das Hören. Was zunächst fremd erscheint, wird durch das eigene Tun erschlossen.
Formate als offene Räume
Die Formen, die MEHR MUSIK! dafür entwickelt hat, bilden eine breite Angebotspalette. Sie reichen von der Kinderkompositionsklasse über Lehrerfortbildungen bis hin zu groß angelegten Opernprojekten mit zahlreichen jungen Mitwirkenden. Dazwischen liegen Wandelkonzerte, Klanginstallationen und Projekte, die sich zwischen Schule, Stadtraum und Bühne bewegen.
Gerade diese Vielfalt ist kein Nebeneffekt, sondern Programm. Die Form folgt nicht einem Schema, sondern dem jeweiligen Kontext. Entscheidend ist, dass ein Raum entsteht, in dem musikalische Erfahrung möglich wird – unmittelbar, sinnlich und offen für unterschiedliche Zugänge. Niederschwelligkeit bedeutet hier nicht Vereinfachung, sondern Einladung.

Teilhabe als Kern
Im Zentrum steht die Idee der Teilhabe. MEHR MUSIK! richtet sich bewusst an eine breite Gruppe von Teilnehmenden: vom Kita-Kind, das erste Klangerfahrungen macht, über Schüler:innen ohne musikalische Vorerfahrung bis hin zu jungen Talenten, die in Projekten mit professionellen Musiker:innen arbeiten. Diese Heterogenität ist kein Hindernis, sondern produktive Voraussetzung.
Zugleich geht es nicht nur um individuelle Erfahrungen, sondern um gemeinschaftliche Prozesse. Musik wird als soziale Praxis erfahrbar, als etwas, das im Miteinander entsteht, sich verändert und auf seine Umgebung reagiert.

Themen, die in den Klang hineinreichen
Auffällig ist die thematische Offenheit vieler Projekte. MEHR MUSIK! greift gesellschaftliche Fragestellungen auf und überführt sie in künstlerische Prozesse. Themen wie Vielfalt oder grundlegende gesellschaftliche Werte werden nicht abstrakt verhandelt, sondern in von den Kindern und Jugendlichen selbst entwickelten kreativen Prozessen, sanft unterstützt von Profi-Musiker:innen, sinnlich erfahrbar gemacht.
Dabei überschreitet die Musik häufig ihre eigenen Grenzen. Sie tritt in Dialog mit anderen Künsten, mit Tanz und Theater, mit Sprache oder bildnerischem Gestalten. Aus diesen Begegnungen entstehen hybride Formate, in denen sich die klassische Trennung der Sparten zunehmend auflöst.
Zeit als entscheidender Faktor
Ein wesentliches Merkmal von MEHR MUSIK! ist die Dauer vieler Projekte. Statt punktueller Ereignisse setzt man auf Prozesse, die sich über Wochen oder Monate entfalten. Diese zeitliche Dimension schafft Kontinuität und Tiefe. Sie erlaubt es, Erfahrungen zu entwickeln, die über das Flüchtige hinausgehen und sich im besten Fall nachhaltig einschreiben.
Ergänzt wird dies durch eine kontinuierliche Arbeit mit Multiplikator:innen. Seit 2009 werden in Fortbildungen Lehrkräfte und andere Vermittler:innen dazu befähigt, die entwickelten Ansätze weiterzutragen. Auf diese Weise entsteht ein Netzwerk, das weit über das Projekt selbst hinauswirkt.
Gerade diese Kontinuität ist kein organisatorischer Nebenaspekt, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Beziehungen zwischen Künstler:innen, Kindern und Jugendlichen, Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Verwaltung wachsen können. Nachhaltige Musikvermittlung entsteht dort, wo Vertrauen wachsen und gemeinsames Arbeiten über längere Zeiträume möglich wird.

Vom Projekt zur Struktur
Dass MEHR MUSIK! nach dem Ende der Bundesförderung weitergeführt wurde, markiert einen entscheidenden Punkt in seiner Geschichte. Die Stadt Augsburg entschied sich bewusst für Kontinuität und öffnete zugleich den Rahmen. Der musikalische Fokus weitete sich über die Neue Musik hinaus, die Vermittlungsarbeit wurde stärker im Kontext kultureller Bildung verortet.
2015 wurde MEHR MUSIK!, bis dato am Augsburger Theater verortet, Teil des Kulturamts und Keimzelle eines kulturellen Bildungsnetzwerks, das heute zentrale Kulturakteur:innen der Stadt, die freie Szene und an Vermittlung und Partizipation interessierte städtische Büros miteinander verbindet. Seit 2022 ist MEHR MUSIK! Teil der Stabsstelle Kulturelle Bildung im Kulturreferat.
Damit entwickelte sich aus einer Projektidee schrittweise eine tragfähige Struktur. Bemerkenswert ist dabei weniger die organisatorische Veränderung als die dahinterstehende Haltung: Musikvermittlung wurde nicht lediglich weiterfinanziert, sondern dauerhaft als kommunale Aufgabe verstanden und in Verwaltungsstrukturen verankert.
Eine stille Beharrlichkeit
Die Bilanz lässt sich nicht allein in Zahlen oder Auszeichnungen fassen, auch wenn es davon einige gibt – MEHR MUSIK! erhielt unter anderem gleich drei Mal den Junge Ohren Preis. Entscheidender ist die Art der Begegnungen, die MEHR MUSIK! ermöglicht: oft intensiv, oft über längere Zeiträume hinweg, oft jenseits der üblichen Rollen von Bühne und Publikum.
In einer Zeit, in der musikalische Bildung vielerorts unter Druck gerät, wirkt dieses Augsburger Modell wie eine leise, aber beharrliche Gegenbewegung. Es setzt nicht auf spektakuläre Effekte, sondern auf kontinuierliche Arbeit.
Gerade darin liegt seine eigentliche Modellhaftigkeit. Die Qualität dieser Arbeit entsteht nicht allein aus einzelnen Formaten oder außergewöhnlichem Engagement. Sie entsteht aus Kontinuität: aus Zeit, aus gewachsenen Beziehungen, aus institutioneller Verlässlichkeit. Nachhaltige Musikvermittlung lässt sich nicht beliebig projektweise herstellen. Sie braucht Strukturen, die langfristiges Arbeiten ermöglichen.
Nachhaltige Musikvermittlung entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, die Kontinuität ermöglichen und kulturelle Bildung als dauerhafte öffentliche Aufgabe verstehen.
Fotoheader des Blogbeitrags: Vom Schrottplatz ins Konzert: Selbstgefundene und selbstgebaute Instrumente erklingen im Projekt „KlangSchule“ ©EZE
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