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#Porträt: Musikvermittlung als Zukunftsfrage

Im Gespräch mit Philipp Krechlak über Orchesterstrukturen, Veränderungsprozesse und die Zukunft der Musikvermittlung

Philipp Krechlak war viele Jahre im Bereich Orchestermanagement tätig und ist seit 2019 geschäftsführender Gesellschafter des Deutschen Orchestertags. Seine Perspektive verbindet künstlerische Praxis, institutionelle Erfahrung und einen analytischen Blick auf Strukturen im Kulturbetrieb. Seit 2018 ist er Teilnehmender des NJO.

Im Gespräch geht es um die Rolle der Musikvermittlung in Orchestern, den institutionellen Wandel und die Frage, wie Zukunftsfähigkeit im Musikbetrieb entstehen kann.

©Bettina Fürst-Fastré

Phillip, du bist seit 2018 Teil des NJO. Was hat dich damals dazu bewogen, dich in einem Netzwerk für Musikvermittlung zu engagieren – und was hält dich bis heute dabei?

Musikvermittlung hat mich eigentlich schon länger beschäftigt, der Einstieg ins Netzwerk war dann eher eine konsequente Weiterentwicklung.

Ein prägender Moment war für mich der Happy New Ears Kongress 2016 in Mannheim, den ich als Musikjournalist besucht habe. Dort habe ich zum ersten Mal in dieser Breite erlebt, was Musikvermittlung leisten kann – insbesondere im Bereich für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig hatte ich sofort den Gedanken: Das müsste es auch für Erwachsene geben. Auch als Konzertbesucher möchte ich solche Zugänge erleben, nicht nur im pädagogischen Kontext.

Parallel war ich bei der Jeunesses Musicales Deutschland im Thinktank „Musik verbindet“ aktiv. Dort haben wir intensiv darüber diskutiert, wie Menschen überhaupt für Musik begeistert werden können und welche Rolle Musik im Alltag spielt. In diesem Umfeld hat sich auch der Kontakt zum NJO entwickelt.

Was mich bis heute hält, ist zum einen die Überzeugung, dass Musikvermittlung ein zentrales Feld für die Zukunft von Orchestern und Musiktheater ist. Zum anderen schätze ich die Arbeit im Netzwerk sehr – die Arbeitskreise, insbesondere im Südwesten, die Formate online und vor Ort sowie das Magazin. Auch wenn ich mich nicht immer aktiv einbringe, ist mir die Zugehörigkeit wichtig.

Du warst viele Jahre im Orchestermanagement tätig, unter anderem am Nationaltheater Mannheim und bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Welche Chancen und Widerstände erlebst du, wenn Musikvermittlung als Querschnittsaufgabe in großen Häusern verankert werden soll?

Die größten Widerstände entstehen oft dadurch, dass Musikvermittlung in vielen Institutionen noch verhältnismäßig neu ist. Sie stellt bestehende Abläufe infrage und macht Prozesse zunächst komplexer, weil zusätzliche Perspektiven berücksichtigt werden müssen. In Orchestern sind über Jahrzehnte hinweg stabile Routinen entstanden und ins Muskelgedächtnis übergegangen: Proben, Konzerte und Abläufe, die sehr schematisch lange Zeit sehr gut funktioniert haben. Wenn dann neue Anforderungen dazukommen, wird das häufig erst einmal als Störung wahrgenommen. Problematisch wird es besonders dann, wenn nicht klar ist, worum es eigentlich geht. Musikvermittlung ist kein Zusatz zur „eigentlichen“ künstlerischen Arbeit, sondern eine mindestens gleichwertige Aufgabe. Sie eröffnet neue Perspektiven – sowohl für das Publikum als auch für die Mitarbeitenden im Haus. Richtig verstanden kann sie sogar Arbeitskulturen verändern: Sie schafft neue Formen von Selbstwirksamkeit und macht andere Kompetenzen sichtbar, die im klassischen Konzertbetrieb oft weniger im Fokus stehen.

Kann Musikvermittlung eine Institution wirklich verändern? Und wenn ja: Was braucht es dafür?

Ja, sie kann – und sie sollte es auch.

Entscheidend ist, dass Musikvermittlung Teil der DNA einer Institution wird. Dieses Verständnis muss von der Leitungsebene bis ins Orchester hineingetragen werden. Es reicht nicht, sie als zusätzliches nettes Angebot zu betrachten. Langfristig braucht es vor allem eine strukturelle Verankerung in der Ausbildung – sowohl für Musiker:innen als auch im Management. Musikvermittlung sollte dort selbstverständlich mitgedacht werden. Kurzfristig geht es aber auch um ein Bewusstsein dafür, dass das System ohne Musikvermittlung langfristig nicht stabil bleibt. Die Distanz zwischen Orchestern und Stadtgesellschaft wächst. Es geht längst nicht mehr nur um Relevanz, sondern teilweise um grundlegende Anschlussfähigkeit.

©Bettina Fürst-Fastré

Du bist beim Deutschen Orchestertag u.a. verantwortlich für die Entwicklung und Angebotserweiterung. Welche Rolle spielt Musikvermittlung dort aktuell – und wohin möchtest du sie entwickeln?

Der Deutsche Orchestertag ist ursprünglich als Plattform für administratives Orchestermanagement entstanden. Heute verstehen wir ihn stärker als Konferenz rund ums Orchester insgesamt. Wir sehen uns als Ort zwischen den institutionellen Polen – zwischen dem Deutschen Bühnenverein, anderen Interessengruppen, Netzwerken und den Gewerkschaften. Diese Position wollen wir nutzen, um Dialog zu ermöglichen statt Gegeneinander. Wenn man das ernst nimmt, müssen auch Musikvermittler:innen selbstverständlich Teil dieser Gespräche sein. Ihre Perspektiven sind bisher oft zu wenig präsent. Unser Ziel ist es, diesen Raum zu öffnen und langfristig stärker zu verankern, was Musikvermittlung tatsächlich leistet.

Wie hat sich die Orchesterlandschaft in den letzten Jahren verändert – und welche Rolle kann Musikvermittlung beim Umgang mit den heutigen Herausforderungen für Klangkörper spielen?

Ein entscheidender Einschnitt war die Corona-Pandemie. In dieser Zeit sind viele neue Formate entstanden, insbesondere digital. Nach der Pandemie ist jedoch vieles wieder in klassische Strukturen zurückgekehrt. Das ist schade, weil damals eigentlich ein Moment für grundlegende Veränderungen entstanden war. Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Entfremdung zwischen Orchestern und Stadtgesellschaft. Menschen gehen weniger selbstverständlich ins Konzert. Die Frage ist, wie schnell Institutionen darauf reagieren. Je später die Reaktion, desto drastischer müssen die Maßnahmen sein – und desto größer werden dann die Widerstände – eine „Teufelsspirale”. Musikvermittlung kann hier eine zentrale Rolle spielen, weil sie neue Zugänge schafft und die Beziehung zwischen Institution und Publikum neu denkt.

Du hast neben Musikmanagement auch Wirtschaftsmathematik studiert. Wie prägt dich dieser Hintergrund im Blick auf Kultur und Musikvermittlung?

Ich möchte die Frage eher indirekt beantworten.

Im Kulturmanagement gibt es den wiederkehrenden Diskurs um den sogenannten „Return on Investment“ von Kultur. Dabei wird versucht, den wirtschaftlichen indirekten Nutzen von Kultur sichtbar zu machen – etwa durch zusätzliche Einnahmen aus Gastronomie, Tourismus oder Verkehrseffekte. Diese Perspektive ist nicht falsch, wird aber kritisch diskutiert, weil sie Kultur stark auf ökonomische Faktoren reduziert. Viele Wirkungen von Kunst – ästhetisch, sozial, emotional – lassen sich nur schwer oder gar nicht messen.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die eigentliche Bedeutung von Kunst als Raum für Erfahrung, Begegnung und Wahrnehmung aus dem Blick gerät. Ich habe dazu keine abschließende Position, finde den Diskurs aber sehr wichtig. Was mir fehlt, ist eine Erweiterung der Perspektive: weg von reinen Kennzahlen wie Auslastung hin zu der Frage, was Kunst eigentlich bewirkt – bei den Menschen, die sie erleben. Warum messen wir nicht das und nehmen das als Entscheidungsgrundlage und Argumentationshilfe gegenüber der Politik und anderen Stakeholdern?

©Bettina Fürst-Fastré

Wenn du an die Zukunft der Musikvermittlung denkst: Was macht dir Hoffnung – und wo wirst du ungeduldig?

Hoffnung macht mir vor allem die zunehmende Professionalisierung. Es gibt immer mehr Studiengänge und engagierte Menschen, die Nachwuchs fördern und das Feld weiterentwickeln. Positiv ist auch, dass Musikvermittlung zunehmend in Führungsrollen vertreten ist – noch vereinzelt, aber sichtbar. Ungeduldig werde ich dort, wo strukturelle Rahmenbedingungen zu eng bleiben. Musikvermittler:innen arbeiten oft innerhalb begrenzter Systeme, ohne die Möglichkeit, diese selbst grundlegend zu verändern. Gleichzeitig liegt Verantwortung auch im Management: Musikvermittlung muss als zentraler Bestandteil verstanden und aktiv unterstützt werden, nicht als ergänzendes Feld.

Der Deutsche Orchestertag 2026 steht vor der Tür. Vom 9. bis 11. Mai 2026 treffen sich Musik- und Kulturakteur:innen im Tagungszentrum Aquino in Berlin unter dem Motto „Träum weiter“. Unser Kooperationspartner Deutscher Orchestertag lädt herzlich zum DOT26 ein, um Vernetzung, Austausch und neue Impulse für Musikvermittlung und Orchestermanagement zu fördern. Mehr über die Kooperation DOT x NJO und die themenspezifischen Arbeitsgruppen erfahrt ihr hier. Die Anmeldung zum DOT26 ist ab sofort möglich. Anmeldung

Unter #Porträt stellen wir jeden Monat Akteur:innen aus der NJO-Community vor, die mit ihrer Arbeit lebendige musikalische Praxis am Puls der Gesellschaft gestalten. Sie möchten ebenfalls Teilnehmer:in werden? Hier gibt’s mehr Infos und das Anmeldeformular

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