Interview Porträt 6 Minuten Lesedauer
#Porträt: Neue Zugänge zu Jazz und Improvisation – Vermittlung als Praxis im Wandel
Kathrin Pechlof ist Harfenistin, Improvisatorin und Komponistin. 2023 erhielt sie den renommierten SWR Jazzpreis. Sie arbeitete als Kuratorin und Jurymitglied in verschiedenen Gremien, unter anderem für den Musikfonds des Bundes und für die Schweizer Stiftung Árvore. Seit 2016 ist sie in die Entwicklung eines House of Jazz – Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik in Berlin involviert. Derzeit ist sie für die Konzeption der Pilotphase Zentrum Under Construction verantwortlich.
Im Gespräch erzählt sie, warum Vermittlung dabei eine zentrale Rolle spielt, welche Erfahrungen die bisherigen STOP OVER-Formate gebracht haben und weshalb Vernetzung und Partizipation für die Zukunft entscheidend sind. Zentrum Under Construction ist seit April 2026 Teilnehmer beim NJO.

Du bist als Harfenistin, Improvisatorin und Komponistin international unterwegs – gleichzeitig arbeitest du mit dem „Zentrum Under Construction“ am Aufbau eines neuen Zentrums für Jazz und improvisierte Musik. Wie beeinflussen sich diese beiden Perspektiven gegenseitig?
Zu Beginn meiner Karriere habe ich als Musikerin im saturierten Klassikbetrieb nicht viel über Strukturen nachdenken müssen. Seit ich aber im Bereich von Jazz und Improvisierter Musik arbeite, habe ich gesehen, dass wir hier als Musiker:innen selbst für die Gestaltung von Strukturen Verantwortung übernehmen und uns aktiv einbringen müssen.
Das Vorhaben, in Berlin eine international strahlkräftige und wirkmächtige Ankerinstitution zu etablieren, ist stark von den Erfahrungen aktiver Musiker:innen geprägt. Es wurde aus der Szene heraus entwickelt und orientiert sich an den Fragen: Wo fehlen welche Strukturen und Ressourcen? Was braucht diese Musik? Wie kann mehr Sichtbarkeit – auch international – entstehen? Wie wird diese Musik kommuniziert? Wo können Synergien geschaffen werden zwischen bestehenden Strukturen und neuen Ansätzen.
Dabei geht es auch um die Ansprache des Publikums und um die Entwicklung von partizipativen, interaktiven Begegnungsräumen. Wir wollen einen Anker schaffen, der wie ein Katalysator wirkt, Ressourcen bündelt und Jazz sowie Improvisierte Musik stärker in der Kulturlandschaft und Gesellschaft verankert.

Schon der Name der Pilotphase „Zentrum Under Construction“ verdeutlicht, dass es nicht nur um einen zukünftigen Ort geht, sondern um einen gemeinsamen Entwicklungsprozess. Was habt ihr in der bisherigen Pilotphase über die Bedürfnisse der Szene, des Publikums, aber vielleicht auch des Nicht-Publikums gelernt?
Schon in der Entwicklung der Konzeption spielten partizipative Schleifen eine wichtige Rolle: mit Denkfabriken, Austauschformaten und offenen Beteiligungsmöglichkeiten für Akteur:innen der Szene. Dadurch wurde deutlich, wo Bedarfe liegen –strukturell, mit Blick auf Sichtbarkeit und Zugänge aber auch kulturpolitisch. Wie die Musik selbst, kennzeichnet auch dieses Vorhaben das Prozesshafte und die Transformation – under construction eben. Für ein erfolgreiches Zentrum braucht es am Ende aber auf jeden Fall auch einen profilierten Ort, eine Homebase, die mit Ressourcen ausgestattet ist und so Strahlkraft und eine starke Anziehungskraft entwickeln kann. In der Pilotphase versuchen wir nun exemplarisch zu zeigen, was dieses zukünftige Zentrum sein könnte. Es geht nicht nur um eine weitere Spielstätte in Berlin, sondern um eine bundesweite und internationale Plattform für Diskurs, Produktion, Vermittlung, Kooperation, Vernetzung und künstlerische Forschung. Deshalb gehörten bisher zu den STOP OVER-Formaten nicht nur Konzerte, sondern auch Residenzen und internationale Kooperationsprojekte, Artist Talks, offene Proben, Podcasts und Diskursveranstaltungen. Vermittlung spielte dabei immer eine zentrale Rolle.
Vermittlung soll im zukünftigen Zentrum kein Zusatzprogramm sein, sondern ein grundlegendes Prinzip. Was bedeutet das konkret für euch?
Im Bereich Jazz und Improvisierte Musik fehlen institutionalisierte Strukturen, die Vermittlungsarbeit langfristig und konsequent aufbauen können. Gleichzeitig erleben wir einen Verlust an reichweitenstarken Plattformen, auf denen die Musik vermittelt wird: Jazz kommt in Schulen wenig vor, es gibt Stelleneinsparungen in Redaktionen, Sendeplätze für kontextualisierende und vielfältige Berichterstattung verschwinden und im Printbereich wird es auch schwieriger, Themen zu setzen. Deshalb ist Vermittlung als durchgeschriebenes Prinzip so wichtig. Es braucht niedrigschwellige Zugänge und unterschiedliche Formen der Annäherung. Uns interessiert dabei auch, wie man verschiedene Publikumsgruppen erreichen kann – und welche Formate dafür sinnvoll sind. Wir wollen herausfinden, welche Rolle grundsätzlich eine Ankerinstitution übernehmen kann oder sogar muss, wenn andere Räume für Vermittlung kleiner werden.

Mit „STOP OVER – For Young Ears“ startet nun eine Ausschreibung für partizipative Konzertformate für Kinder. Welche Idee steckt hinter diesem Schwerpunkt?
Kinder sind das Publikum – und vielleicht auch Musiker:innen – von morgen. Wir wollen sowohl Beteiligung als auch Teilhabe ermöglichen und damit Begeisterung für diese Musik und ein Inspirationsmomentum erzeugen. Andererseits geht es darum, Ressourcen für Musiker:innen, Dramaturg:innen und Musikvermittler:innen zur Verfügung zu stellen, um unter angemessenen Umständen über Formate nachdenken und diese entwickeln zu können. Die Ausschreibung ist explizit offen formuliert in Richtung anderer Disziplinen und Genres. Vielleicht bewerben sich Musikvermittler:innen aus dem Theater- oder Klassikbereich, die bisher noch nie mit Jazzmusiker:innen gearbeitet haben. Gleichzeitig könnten Jazzmusiker:innen neue Perspektiven auf Vermittlung entdecken. Solche Begegnungen können einen Mehrwert und Austausch von Expertisen schaffen. Ich bin zum Beispiel sehr gespannt, wie der Aspekt Improvisation – der ja durchaus komplex sein kann – auf niedrigschwellige Weise vermittelt werden kann und freue mich auf die unterschiedlichen Konzepte und Methoden und welche Ideen aus der Szene heraus entstehen.

Das zukünftige Zentrum möchte Bildungs- und Vermittlungsarbeit leisten und zugleich ein Ort für interdisziplinäre und genreübergreifende Kooperationen sein. Welche Chancen seht ihr in dieser Vernetzung – auch im Austausch mit Netzwerken wie dem NJO?
Interdisziplinarität ist längst an vielen Stellen selbstverständlicher Teil künstlerischer Praxis. Aus meiner Sicht können Genre-Schubladen die Kommunikation und auch die Vermittlung behindern, weil sie bestimmte Zuschreibungen enthalten und Erwartungen erzeugen. Gleichzeitig ist es absolut elementar, Jazz und Improvisierte Musik strukturell und kulturpolitisch zu stärken und sichtbar zu machen – das zusammenzubringen, wird eine der großen Aufgaben des künftigen Zentrums sein. In jedem Fall ist Vernetzung extrem wichtig: um voneinander zu lernen, Expertise zu teilen und gemeinsam neue Räume zu öffnen. Ich finde es zum Beispiel total schön, dass sich das NJO dem Jazz gegenüber so offen zeigt und die Hand reicht. Gerade in Zeiten von Polarisierung und Vereinfachungstendenzen und im Kontext eines rauer werdenden gesellschaftlichen Klimas ist es wichtig, Allianzen zu bilden, gemeinsam für Kunst, Kultur und auch für kulturelle Bildung einzustehen und dabei Synergien zu schaffen.
Unter #Porträt stellen wir jeden Monat Akteur:innen aus der NJO-Community vor, die mit ihrer Arbeit lebendige musikalische Praxis am Puls der Gesellschaft gestalten. Sie möchten ebenfalls Teilnehmer:in werden? Hier gibt’s mehr Infos und das Anmeldeformular