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#Porträt: Zwei Schiffe, die gemeinsam unterwegs sind – Wie langfristige Partnerschaften zwischen Schule und Orchester wachsen
Das Bridges Kammerorchester – The composing orchestra – steht für transkulturelle Musik, künstlerische Vielfalt und neue Formen der Zusammenarbeit. Das 2019 gegründete Ensemble wurde 2024 in das Bundesprogramm Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland aufgenommen und gastiert u.a. in der Elbphilharmonie, auf dem Heidelberger Frühling und dem Bachfest Leipzig.
Neben seiner Konzerttätigkeit entwickelt das Orchester im Bereich Education langfristige Projekte, die musikalische und gesellschaftliche Teilhabe miteinander verbinden. Ein Beispiel dafür ist die Partnerschaft „Perfect Match“ mit der Henri-Dunant-Grundschule (HDS) in Frankfurt-Sossenheim. Seit 2025 ist das BKO dort Residenzorchester. Im Mai 2026 feierte die gemeinsam entwickelte Stadtteil-Oper „Du bist okay“ Premiere – das Ergebnis eines über ein Schuljahr angelegten partizipativen Prozesses, an dem Schüler:innen, Lehrkräfte, Musiker:innen und Akteur:innen aus dem Stadtteil beteiligt waren.
Das BKO ist seit August 2019 Teilnehmer beim NJO.

Das Bridges Kammerorchester ist seit 2025 Residenzorchester an der Henri-Dunant-Schule, gemeinsame Projekte verbinden euch aber bereits seit 2022. Welche Idee steckt hinter der langfristig angelegten Partnerschaft „Perfect Match“?
Nicola: Wir haben bei den ersten Projekten gemerkt, dass wir in Haltung, Anliegen und Motivation nahezu deckungsgleich sind. Beide Seiten arbeiten für hochwertige musikalische Bildung und verstehen Vielfalt als etwas Positives für unsere Gesellschaft. Daraus entstand das Gefühl: Das passt sehr gut zusammen, nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Wenn man länger zusammenarbeitet, entsteht außerdem eine andere Qualität. Wir verstehen einander besser, merken genauer, was bei den Kindern funktioniert und können die Projekte gemeinsam weiterentwickeln. Das macht für mich den eigentlichen Wert einer langfristigen Partnerschaft aus.

Mit Du bist okay habt ihr im Mai die zweite gemeinsame Stadtteil-Oper auf die Bühne gebracht. Warum stand dieses Thema im Zentrum des Projekts?
Nicola: „Du bist okay“ ist der Titel eines Schullieds von Sabine Fischmann, das an der Henri-Dunant-Schule eine wichtige Rolle spielt. Wir haben das Lied schon in früheren Projekten gespielt, und jedes Mal hat es mich berührt zu erleben, mit welcher Überzeugung die Kinder diese Botschaft singen. Man merkt, dass dieser Satz für sie eine besondere Bedeutung hat. Daraus entstand die Frage: Was bedeutet eigentlich „Du bist okay“? Gemeinsam mit der Musiklehrerin Anne Rumpf, den Klassenleitungen, den Schulsozialarbeiter:innen und der Regisseurin Sabine Fischmann haben wir das Thema weiterentwickelt. Die Kinder konnten ihre eigenen Perspektiven einbringen und in Videos, Szenen und anderen Beiträgen zeigen, was dieser Satz für sie persönlich bedeutet.
Alireza, du hast als Musikpate über ein ganzes Schuljahr hinweg zwei Klassen begleitet. Wenn du heute auf diesen Prozess zurückblickst: Welche Entwicklungen bei den Kindern haben dich besonders bewegt?
Alireza: Mich hat besonders beeindruckt, wie schnell die Kinder Lieder in einer fremden Sprache gelernt haben. Sie konnten die Wörter nicht nur aussprechen, sondern oft erstaunlich präzise wiedergeben. Das hat mich wirklich überrascht. Genauso wichtig war für mich aber das Mitgefühl und die Verbundenheit, die zwischen den Kindern entstanden sind. Ich hatte den Eindruck, dass sie die Musik und die Sprache mit großer Freude aufgenommen haben. Das hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen.
Das BKO und die Henri-Dunant-Schule unterscheiden sich stark in ihren Strukturen und Arbeitsweisen. Was habt ihr darüber gelernt, wie Kooperation zwischen so unterschiedlichen Institutionen gelingen kann?
Nicola: Wir haben irgendwann das Bild entwickelt, dass Schule und Orchester wie zwei Schiffe sind, die ganz unterschiedlich gebaut sind – mit eigenen Abläufen, Strukturen und einer jeweils anderen „Besatzung“. Wenn sie nebeneinander herfahren, muss man sich sehr genau abstimmen, damit man nicht ständig aneinanderstößt und am Ende wirklich gemeinsam vorankommt. Deshalb haben wir vor allem gelernt, sehr viel und sehr genau zu kommunizieren. Es braucht Verständnis dafür, dass beide Seiten unterschiedliche Perspektiven auf denselben Prozess haben. Mit der Zeit entsteht daraus Vertrauen und eine Zusammenarbeit, die immer besser ineinandergreift.

Du warst über viele Monate regelmäßig Teil des Schulalltags. Was hast du dabei über die Rolle von Musiker:innen in langfristigen Vermittlungsprozessen gelernt?
Alireza: Für mich war wichtig zu erleben, dass dieser Prozess keine Einbahnstraße ist. Die Kinder lernen von uns, aber wir lernen genauso viel von ihnen. Um Kinder zu erreichen, muss man offen sein für ihre Lebenswelten, ihre Perspektiven und Erfahrungen. Durch die regelmäßige Zusammenarbeit konnte ich beobachten, wie die Kinder musikalisch gewachsen sind, mehr Selbstvertrauen entwickelt haben und sich stärker als Gemeinschaft verstanden haben. Gleichzeitig habe ich viel über ihre Sichtweisen und Lebenswelten gelernt.
Die Stadtteil-Oper bezieht nicht nur Kinder, sondern auch Perspektiven von Anwohner:innen aus Sossenheim ein. Welche Rolle spielt der Stadtteil in eurem Vermittlungsverständnis?
Nicola: Community-Arbeit gehört von Anfang an zu Bridges. Wir sind überzeugt davon, dass Musik Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen miteinander verbinden kann. Sie schafft eine Möglichkeit, sich zu begegnen und einander besser zu verstehen. In der Stadtteil-Oper erleben wir, wie Kinder, Familien, Anwohner:innen und Künstler:innen miteinander in Kontakt kommen. Daraus entstehen Vertrauen, Zusammenhalt und Wertschätzung. Das ist für uns ein wichtiger Teil von Musikvermittlung.
Das Projekt basiert auf echter Mitgestaltung durch die Kinder. Welche Ideen oder Beiträge der Schüler:innen haben die Stadtteil-Oper besonders geprägt?
Alireza: Die Kinder haben nicht nur gesungen, sondern die Stadtteil-Oper auf vielen Ebenen mitgestaltet. Sie haben Bilder gemalt, schauspielerische Ideen entwickelt, Bewegungen eingebracht und ihre eigenen Perspektiven auf die Geschichte gezeigt. Für mich war besonders wichtig zu sehen, dass die Kinder nicht nur Ausführende waren, sondern echte Mitgestalter:innen. Dadurch ist etwas entstanden, das weit über das reine Singen hinausgeht und dem Projekt eine ganz eigene Energie gegeben hat.
Das BKO vereint unterschiedliche musikalische Traditionen, Stile und gesellschaftliche Perspektiven. Welche Rolle spielt diese Vielfalt in deiner Arbeit mit den Kindern und wie reagieren sie darauf?
Alireza: Die Kinder erleben, dass Musik viele Sprachen und Ausdrucksformen hat. Besonders spannend war für mich zu beobachten, wie offen und neugierig sie auf diese Vielfalt reagiert haben. Viele Kinder bringen selbst unterschiedliche kulturelle Biografien mit. Dadurch können sie sich in dem Projekt wiederfinden und gleichzeitig Neues kennenlernen. Ich hatte oft den Eindruck, dass Vielfalt für die Kinder keine Barriere ist, sondern eine Bereicherung.

Nach mehreren Jahren gemeinsamer Zusammenarbeit und der zweiten Stadtteil-Oper: Was hat sich durch „Perfect Match“ auf Seiten der Schule und des Orchesters verändert?
Nicola: Für uns ist vor allem der Respekt für die Arbeit der Pädagog:innen an der Schule gewachsen. Wir lernen dort unglaublich viel. Gleichzeitig erleben wir immer wieder, wie Kinder hochkomplexe Dinge mit großer Leichtigkeit lernen können, wenn man sie dafür begeistert. Das hat auch unsere eigene Arbeit verändert.
Alireza: Der entscheidende Faktor ist Kontinuität. Durch die langfristige Zusammenarbeit lernen wir voneinander, entwickeln gemeinsame Arbeitsweisen und verbessern die Qualität der Projekte Schritt für Schritt. Gleichzeitig wachsen Vertrauen und Beziehungen, sowohl zwischen Schule und Orchester als auch zwischen den Kindern und den Musikpat:innen.
Nicola: Genau deshalb brauchen solche Projekte langfristige Förderung. Gute Formate müssen nicht ständig neu erfunden werden. Oft geht es darum, sie weiterzuentwickeln und gemeinsam wachsen zu lassen.
Die Initiative „Bridges – Musik verbindet“ feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Wie hat sich die Rolle von Musikvermittlung innerhalb des Orchesters entwickelt und welche Bedeutung hat sie heute für eure künstlerische Arbeit?
Nicola: Vermittlung ist bei Bridges kein zusätzlicher Bereich, sondern Teil unserer Identität. Wir lernen schon innerhalb des Orchesters ständig voneinander, weil wir aus unterschiedlichen musikalischen Traditionen kommen. Dieses gegenseitige Lernen ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt gemeinsam Musik machen können. Wenn wir mit dieser Vielfalt in Schulen gehen, merken wir, dass das für die Kinder einen Unterschied macht. Sie erleben, dass sie mit allem, was zu ihnen gehört, sichtbar sein dürfen. Das ist für uns ein zentraler Gedanke.
Alireza: Dieser Lernprozess findet ständig statt. Wir lernen voneinander unterschiedliche Musikkulturen, Spielweisen und Perspektiven kennen. Das prägt unsere künstlerische Arbeit genauso wie unsere Vermittlungsarbeit. Beides gehört bei Bridges untrennbar zusammen.

Das Bridges Kammerorchester – The composing orchestra – aus Frankfurt am Main ist ein europaweit einmaliger Klangkörper und vereint seit 2019 Musiker:innen mit ihren Instrumenten aus verschiedensten Regionen der Welt.
Die 25 Orchestermitglieder sind Expert:innen für arabische, persische und europäische Klassik, Jazz, zeitgenössische Musik, osteuropäische Folklore sowie verschiedene Formen zentralasiatischer und lateinamerikanischer Musik. Von ihren vielfältigen Persönlichkeiten ausgehend, komponieren und arrangieren die Musiker:innen einen Großteil ihres Orchesterrepertoires selbst. Was dabei entsteht, ist transkulturelle Musik. Das Orchester macht Einwanderungsgesellschaften hörbar und verbindet als internationales Role-Model künstlerische Exzellenz mit gesellschaftlichem Impact.
Das Bridges Kammerorchester gastiert in renommierten Häusern wie der Elbphilharmonie Hamburg und der Alten Oper Frankfurt sowie bei Festivals wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Bachfest Leipzig und dem Heidelberger Frühling. 2025 produzierte ARTE das Programm Beyond time and space. 2024 wurde das Orchester in das Bundesprogramm Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland aufgenommen. 2021 erhielt es für das mit dem Hessischen Rundfunk produzierte Debütalbum Identigration den Preis der deutschen Schallplattenkritik.
Diversität als Stärke zu begreifen und echte Teilhabe zu fördern, sind für das Bridges Kammerorchester wichtige Voraussetzungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb engagiert es sich mit vielfältigen transkulturellen Education- und Community-Projekten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
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